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Warum schreiben wir Mama und Papa nur mit einem m bzw. p ? Der Vokal wird doch kurz gesprochen. Also müssten wir doch eigentlich *Mamma und *Pappa schreiben.
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„Eine interessante Frage! Das Wort Mama ist eines der ersten Wörter, die Kinder sprechen und schreiben lernen. Und genau dieses Wort hält sich nicht an die Rechtschreibregeln. Das ist wirklich seltsam.
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Für diese Frage ist natürlich unsere Frau Laut zuständig.”
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„Wenn Kinder sprechen lernen, dann bilden sie zunächst nur einzelne Laute, die sie immer wiederholen. Ihr könnt es auch selbst ausprobieren: Macht einmal den Mund auf und zu, lasst langsam die Luft heraus und bildet einen Ton. Nun, was kommt dabei heraus?
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Richtig! Es klingt nach: ‚mamama’ oder ‚mememe’ oder ‚mumumu’. Wenn ihr die Luft etwas kräftiger ausstoßt und den Mund nicht langsam sondern schnell öffnet, dann klingt es wie: ‚papapa’ oder ‚pepepe’ oder ‚pupupu’.
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Da die Eltern die ersten Kontaktpersonen für einen Säugling sind, glauben die Leute, dass die Säuglinge mit diesen Lauten ihre Mutter oder ihren Vater benennen. So jedenfalls können wir uns vorstellen, wie diese beiden Wörter entstanden sind.“
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„Das ist ja schön und interessant“, meldete sich nun Frau Kurz. „Das erklärt aber nicht, warum wir Mama mit einem m schreiben. Die Kinder haben doch ganz Recht: Wir sprechen einen kurzen Vokal und müssten demnach Mamma, also zwei m schreiben.“
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“Das wussten sogar schon die Römer und Griechen“, gab nun auch noch Herr Alt zu bedenken. „Die Römer schrieben mamma und die Griechen ebenfalls. Sie bezeichneten damit allerdings nicht die Mutter, sondern die Brust der Mutter. Schon vor über 3000 Jahren gab es in den alten germanischen Sprachen das Wort *mātér. Hieraus wurde bei den Griechen mētēr, bei den Römern mater, bei uns zunächst mouder und später die Mutter …”
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“Genau,“ fiel Frau Fremd Herrn Alt ins Wort: „und bei den Engländern mother, den Schweden moder, den Holländern moeder, bei den Italienern und Spaniern madre, in Polen, der Slowakei und Tschechien matka, in Ungarn (majka), Russland (мать) und selbst in China …”
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„Schön und gut“, versuchte Herr Schön nun das Thema wieder auf den Punkt zu bringen. „Eine Antwort auf die Frage der Kinder ist das aber alles nicht!“
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„Ich bin ja auch noch nicht fertig“, bemerkte Frau Fremd und wollte gerade weitere Sprachen aufzählen, als sie von Frau Kurz unterbrochen wurde.
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„Genug, genug! Wir glauben ihnen ja, dass fast überall auf der Welt das Wort Mutter auf das alte indogermanische Wort mātér zurückgeführt werden kann.“
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„Aber unterbrechen Sie mich doch nicht! Ich wollte ja gerade etwas zur Mama sagen. Also: Bis ins 17. Jahrhundert gab es bei uns nur das Wort mouder und später Mutter, wie uns Herr Alt gerade erklärt hat.
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„Ja, ja, das hatten wir schon!“
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„Das Wort Mama ist im 17. Jhd. aus Frankreich zu uns gekommen. In Frankreich wurde aus mère (= Mutter) in der Kindersprache maman. (Die Betonung liegt auf der zweiten Silbe und das n am Wortende wird nicht gesprochen [ma.mɑ̃]). Frau Laut hat also mit ihrer Vermutung Recht: Mama ist eine Lautwiederholung aus der Kindersprache.
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In Deutschland hat sich das französische Wort schnell durchgesetzt. Unsere Kinder haben es allerdings etwas anders ausgesprochen. Bei uns liegt die Betonung meist auf der ersten Silbe und wir sprechen am Wortende keinen Nasallaut.
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„Mama und Papa sollen Fremdwörter sein?“, fragten nun meine Prinzipienwächter wie im Chor.
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„Genau!“ erwiderte Frau Fremd, “und deshalb schreiben wir das Wort Mama so, wie wir es von den Franzosen geliehen haben: mit einem m.”
Das a am Wortende verrät uns ebenfalls, dass dieses Wort ein Fremdwort ist. Abgesehen von Abkürzungen und Funktionswörtern (z. B. da, na usw.) kommt der Buchstabe a am Wortende in deutschen Wörtern nicht vor.“
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Da habt ihr meine Prinzipienwächter mit eurer Frage ganz schön in Verlegenheit gebracht.
Die Lösung von Frau Fremd hat auch mich überrascht.
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Das Wort ist nicht im Modellwortschatz enthalten.
Wortart: Nomen
Ableitungen: die Mama, die Mamas
Zusammensetzungen: Großmama
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Bei Martin Breindl, Wien, habe ich in einem Vortrag über Liesl Ujvary eine hochinteressante Abhandlung zur Anmerkung von Frau Laut gefunden, die es lohnt, hier wiedergegeben zu werden. Er bezieht sich in seinem Vortrag auf den russischen Kommunikationstheoretiker Roman Ossipowitsch Jakobson und das bereits 1944 erschienene Buch Kindersprache, Aphasie und allgemeine Lautgesetze.
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... Ich möchte nun kurz die ersten Phasen der kindlichen Sprachdifferenzierung unter informationstheoretischen Gesichtspunkten betrachten:
- Irgendwann bald nach unserer Geburt beginnen wir Menschen (hoffentlich) den Mund zu öffnen und es dringen Laute daraus hervor. Dies sind keine komplexen Formulierungen, sondern ein schlichter Schrei ("AAAAAAAAAA"). Informationstheoretisch handelt es sich bei diesem Schrei um ungefilterte "Breitband-Information". Diese kann alles mögliche bedeuten (Hunger, Schmerzen, Fadesse, Einsamkeit, ...). Weil die Botschaft eben aus reiner Information besteht, ist es deren EmpfängerInnen (also etwa die Eltern) unmöglich, diese eindeutig zu entschlüsseln.
- Die zweite Phase: Das erste Strukturieren dieser Information vermittels Filtern. Dies geschieht, in dem das Baby entdeckt, dass man auch mit geschlossenem Mund schreien könnte ("MMMMM"). Eine erste Differenzierung tritt ein.
- Die dritte Phase ist die Entdeckung der Wiederholung, also der Redundanz. Das Kind strukturiert Information vermittels Rhythmisierung, es entdeckt, dass man abwechselnd mit offenem und geschlossenen Mund sich artikulieren könnte ("AMAMAMAMAMA"). So wähnt sich die EmpfängerIn der Botschaft ("MAMA") tatsächlich im Stande, diese als eindeutige zu entschlüsseln – obwohl zunächst eigentlich die Vermutung nahestünde, dass das Kind damit alles nur mögliche bezeichnet, zu dem eine Beziehung es herstellen will (aber das bloss am Rande). Gesagt kann werden, dass die menschliche Sprachdifferenzierung hin zu eindeutigen Botschaften (und die Eindeutigkeit ist das Wichtige, denn Botschaft im informationstheoretischen Sinn ist das unstrukturierte Schreien auch) über die Prozesse "Filtern" und "Wiederholen" zustande kommt. ...
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